«
Zwischenfaelle_img_4534

Zwischenfälle

 

Das Theater im Marienbad widmet die Vorstellung „Zwischenfälle” am 11. 1. 2104 dem Übersetzer Peter Urban, der letzten Dezember verstorben ist. Peter Urban hat die Texte Daniil Charms wie auch die Werke anderer Autoren des literarischen Zirkels der Oberiuten für den deutschan Sprachraum seit den 70ger Jahren entdeckt und uns mit der ihm eigenen Akribie, Freude und tiefen Einsicht in das Verständnis Daniil Charms und seiner Zeit zugänglich gemacht. Peter Urban war ein Unbequemer, der auf der Genauigkeit von Sprache bestand und sich mit diesem Anspruch so dem „Über-Setzen” von Texten und Gedankenwelten verschrieben hat. Nicht nur darin werden wir ihn vermissen.
«

Die Kunst des Übersetzens

Zum Tod von Peter Urban

Anton Čechovs Name fiel 1966 bei Suhrkamp, als die  Lektoren über den 10. Band der Spectaculum-Reihe diskutierten, der die wichtigsten Dramen des 20. Jahrhunderts enthalten sollte. Der jüngste unter den Lektoren, Peter Urban,  sagte da zur Verblüffung der anderen: „Dann muss das  erste Stück darin Der Kirschgarten von Anton Čechov sein.“  Verblüfft waren die Lektoren deshalb, weil die Stücke, die sie in den Stadttheatern sahen, doch eher ins 19. Jahrhundert gehörten. Das sollte sich bald ändern. Drei Jahre später verwirklichten die Lektoren mit der Gründung des Verlages der Autoren nicht nur ihren „Traum vom herrschaftsfreien Arbeiten“ (Urs Widmer), sondern Peter Urban auch seinen sehr persönlichen. Bereits ein halbes Jahr nach seiner Gründung, im Herbst 1969, kündigte der Verlag die Neuübersetzung des dramatischen Werkes von Anton Čechov durch Peter Urban an, und wiederum ein halbes Jahr später wurde die erste neue Übersetzung, ausgerechnet die des Kirschgartens, inszeniert von HansLietzau, am Hamburger Schauspielhaus uraufgeführt. Wenig später folgten Onkel Vanja in Stuttgart, Drei Schwestern in Darmstadt, Die Möwe in Basel, selbst Der Waldschrat in Heidelberg:  ein Čechov-Boom in den 70ger und 80ger Jahren mit  Aufführungen, die erst auf der Grundlage der  vom Schutt und Schrott der alten Übersetzungen befreiten Neuübersetzungen möglich wurden. Urban nannte das eine „Entrümpelungsaktion“, die einen so noch nie gesehenen Čechov freilegten, - der von konservativen Kritikern und Regisseuren aber auch gleich als „roter Čechov“ diffamiert wurde. (Damals hattenan selbst über Übersetzungen heftig diskutiert!) Dazu kam die bis heute nicht unumstrittene Transkription der russischen Namen (der Häkchen-Čechov!), auf die sich Urban festgelegt hatte und unerschütterlich beibehielt. Diese  Transkription sei eben genauer, sagte Urban,  die paar neuen Zeichen könne jeder leicht lernen, - und Sprache beginne eben schon bei der korrekten Aussprache.  Auch dies war ein Ausdruck von Urbans Suche nach der genauen, einzig richtigen Form des Kunstwerks Übersetzung, ein Anspruch,  den ein Mitstreiter jener Jahre in seinem „Versuch, ästhetische und politische Ereignisse zusammenzudenken“ formulierte. Die wichtigsten Theatermacher, zumal die jüngeren, ließen sich von Urban überzeugen. Es war seine große Zeit.
Der neue Čechov wurde zugleich zum Modell für einen Programm-Schwerpunkt des neuen Verlages, für den auch Peter Urban die Maßstäbe setzte: die Neuübersetzung von Klassikern der Weltliteratur. Ich erinnere mich, wie er dem des Slawischen unkundigen Lektor  Wort für Wort die  Čechov-Sätze übersetzte und darlegte, warum es im Deutschen so und nicht anders heißen müsse: wie  zum Beispiel  Čechov einzelne Worte durch den gesamten Text führe, oder wie das letzte Wort eines Satzes den logischen Anschluss für den Beginn des nächsten Satzes bilde, oder wie die Sätze zu rhythmisieren seien, oder wie mit den Anspielungen und versteckten Zitaten umzugehen sei, und – vor allem, wie einem Hauptanliegen Čechovs Genüge getan werden müsse: dem der gebotenen Kürze.

Über viele Nächte und Jahre ist so ein Übersetzungssystem entstanden, das sich durch Erfahrung und nicht endendes Studium der Sprache, der  Geschichte, der jeweiligen Gesellschaft, und natürlich des Lebens von Anton Cechov immer mehr entwickelte. Urban erkundete wie kein anderer Čechovs Welt und versuchte herauszufinden, was Čechov an diesem oder jenem Tag tat und dachte und schrieb. Bald hielten Urbans erste Übersetzungen seinen eigenen Kriterien nicht mehr stand, sie mussten also zum Entsetzen der Verlagsmenschen immer mal wieder revidiert werden. Und im Diogenes-Verleger Daniel Keel und dem Lektor  Wilfried Stephan fand Urban zwei Čechov-Liebhaber (im wahrsten Sinn des Wortes),  die schon ab 1973 und bis heute ohne Rücksicht auf Verluste ein Čechov-Buch nach dem anderen herausbrachten, eine Čechov-Edition, die in der nichtrussischen Welt ohne jeden Vergleich ist. Allein Urbans  fünfbändige Briefausgabe und die Monumente der Chroniken sind einzigartige Editionen, - die aber nicht nur von dem großen Übersetzer zeugen, sondern auch von einem Wissenschaftler, der im Alleingang ganze slawistische Institute ersetzt.
Mit vollem Recht hat ihm die Regensburger Universität dafür den Doktorhut aufgesetzt. Diese  wissenschaftliche Arbeit begleitete und ermöglichte erst die Übersetzungen, die sich keineswegs auf das Werk Čechovs beschränkten. Ergänzt werden die Übersetzungen durch einen akribischen Anmerkungsapparat, der -  vielgerühmt – mir aber auch wie eine Sucht erscheint, zu einem bestimmten Thema wirklich alles, aber auch alles herausfinden und festhalten zu wollen. In unserer letzten Zusammenarbeit (2011), als die ehemaligen Suhrkamp-Lektoren in ihrer Chronik der Lektoren dem Verleger Unseld ihre Sicht des sogenannten Lektorenaufstandes entgegenhalten,  meinte Urban in seiner „Erinnerung an einen gescheiterten Versuch, Verlagsarbeit zu demokratisieren“ so viel eruieren und in Anmerkungen festhalten zu müssen, dass er den Abgabetermin seines Manuskriptes um zwei Monate überschritt. Als er es nach vielen Mahnungen endlich abschickte, fand sich auf der letzten Seite eine Anmerkung, in der Urban auf ein Buch eines alten Freundes, Josef Hiršals „Böhmische Boheme“,  hinweist, dessen Grundtext von 7 ½ Seiten mit 53 Anmerkungen auf 25 Seiten versehen ist; ihnen folgen dann 50 Seiten Anmerkungen zu den Anmerkungen, und  daran angeschlossen ist eine Anmerkung zur letzten Anmerkung zu den Anmerkungen. Peter Urbans Humor.

Als Hörspieldramaturg beim WDR entdeckte Urban viele osteuropäische Autoren – bis 1977, als er von den Autoren zum neuen Geschäftsführer des Verlags der Autoren gewählt wurde, wo er dann 12 Jahre blieb - und in den Nächten übersetzte. Das Übersetzen, das Entdecken und Vermitteln von bisher in Deutschland (manchmal sogar in Russland) unbekannter Literatur wurde ihm immer wichtiger. 1989 befreite er sich von der Verlagsfron und übersiedelte in den Hohen Vogelsberg, nach Weidmoos. Der Großstadtmensch verkroch sich in ein altes Fachwerkhaus, das er ausbaute, unter anderem mit einer 13 Meter langen Bibliothek über einem ehemaligen Saustall, in der er alles in Buchform  speicherte, was er für seine Arbeit brauchte. Denn er verzichtete ostentativ auf die Vorteile des digitalen Welt, auf  Internet und Handy, sogar auf den für Übersetzer und ihre Korrekturen eigentlich unverzichtbaren  Computer. Die Übersetzungen entstanden zuerst handschriftlich und dann – unvorstellbar  – mit Hilfe einer alten mechanischen Adler-Schreibmaschine. Nur so könne man beim Übersetzen den Ton der Sprachkunstwerke hören und in ein deutsches Äquivalent hinüberbringen. Und das waren viele Werke.  Stünde in all den Büchern statt der Verlagssitze Zürich, Frankfurt, München, Berlin der Name Weidmoos, man könnte denken, dort befinde sich die Übersetzerzentrale für russische, serbokroatische und tschechische Literatur.
(Anmerkung: Im letzten Jahrzehnt konnte Urban vor allem in der Friedenauer Presse von Katja Wagenbach seine Entdeckungen einbringen; hier entstand ein exquisites Programm vor allem russischer Literatur in besonders schönen Büchern.)

Peter Urban war von einer unfassbaren Produktivität. Es gibt noch keine vollständige Bibliographie seiner Arbeiten und hier auch nur die Namen aller übersetzten Dichter, gar die Titel ihrer Werke zu nennen, ist unmöglich. Es geht von Babel und Charms  zu Puškin und Sorokin, von Gogol und Ostrovskij zu Brodsky und Pavlović, von Gribojedov und Gorkij zu Chlebnikov und Kiš und und und... Es müssen mehr als 50 Autoren sein und dreimal so viele Bücher: Wie kann so etwas aus einem Kopf und mit einer Adler-Maschine  entstehen?
Gut, er verließ Weidmoos eigentlich nur, um Preise entgegen zu nehmen; er hat ein gutes Dutzend empfangen, und zumal die wichtigsten, vom Übersetzerpreis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung schon 1974 bis zuletzt den Turgenev-Preis der Moskauer Jelzin – Stiftung (2009) -  Preise ausdrücklich auch für kulturelle Vermittlung und europäische Verständigung, auf die Peter Urban jeweils  auch politisch angemessen reagierte.

Es gab ein Netzwerk von Freunden und Kennern, aber in der Ferne. Für seine Arbeit musste er sich abschotten. Man musste ihn schon anrufen, wenn man ihn sprechen wollte; er rief nie an.  Und vielleicht hat auch das unwirtliche Wetter im Vogelsberg dazu beigetragen, dass er immer knorriger wurde, strenger in seinen Urteilen. Zwar schätzte er die Čechov-Inszenierungen von Zadek und Marthaler, aber das zunehmende Regisseurstheater musste ihm missfallen. In  der Beziehung sei er ein altmodischer Mensch,  sagte er. Der Regisseur habe ein Diener des Textes zu sein. Und über die vielen neu entstandenen Übersetzungsversionen der Čechov-Komödien meinte er nur, er habe feststellen müssen, die Neuübersetzer hätten „ sämtliche Fehler, die in der Diogenes-Ausgabe enthalten waren, unbesehen übernommen.“ Eine subtile Antwort auf das allgemeine Schmarotzertums.
Aber er machte den ganzen hektischen Literatur-und Theaterbetrieb einfach nicht mit.
Er war nicht korrumpierbar. Er vermied Kompromisse. Er war unbequem und oft auch stur. Aber er war immer geradeaus, offen, neugierig und steckte voller Pläne. Und die Arbeit für Anton Čechov war noch längst nicht abgeschlossen. Er wird fehlen.                                                                                                                                                                            Karlheinz Braun