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Dsc_1832

Alice im Wunderland hinter den Spiegeln

Der Regisseur...

KÖNIGIN ALICE

“Kenn ich nicht, wasch ich nicht!” sagte der Mann, als er sich morgens im Spiegel begegnete.  Dieser Klassiker unter den Witzen hätte Lewis Carroll bestimmt gut gefallen, wenn er ihn nicht sowieso schon kannte. Ein Witz kann Philosophie sein und Carrolls Werk ist voll davon. Siegmund Freud hat eine wunderbare Abhandlung über den Witz geschrieben und sinnfällig erklärt, dass Witz und Traumarbeit nach fast identischen Mustern von statten gehen. Und so wie Freuds Werk von vielen gründlich missverstanden (oder Miss Verstanden ?) wurde, vor allem von denen, die es gar nicht erst gelesen haben, so haben viele ihren Carroll nicht gut genug gelesen, um ihn verstehen zu können. Seine Traumdichtungen bestehen nämlich nicht aus mehr oder minder geistvollem höheren Unsinn, sind kein Feuerwerk ungeordneter Phantasie, sondern vielmehr genau das Gegenteil: Ver-Dichtungen des Lebens und seiner Mechanismen, die der Pädagoge, Theologe und vor allem Logiker Carroll phantastisch in Bilder verpackt hat, die, wenn wir uns bemühen, sie zu entschlüsseln, uns eine Landkarte unseres untergründigen Wesens zeigen können (Alice Underground hieß so auch die erste Fassung seines Romans), wenn auch mit verschlungenen Wegen, die Irrwegen gleichen, uns aber doch zu manch überraschendem Ziel leiten können.

Es geht Carroll um die Grundfragen, die viele von uns Erwachsenen vergessen haben sich stellen zu müssen: Wo komme ich her, wo gehe ich hin, wo bin ich gerade und wer ist das, den ich jeden Morgen waschen soll?  Diese Fragen können wir anderen stellen, meist ohne befriedigende Antwort, bis wir begreifen, dass Antworten nur in uns selbst zu finden sind. Die anderen können uns aber helfen, besser zu fragen und genauer zu denken. Wenn wir diesen Weg gehen, auf dem Carroll uns und vor allem sein kindliches Publikum leiten will, laufen wir aber  in Gefahr, uns dabei selbst zu verlieren mit all unseren Ängsten, die sich zu dem Monster Jabberwok geformt haben, das uns verfolgt, genau dann, wenn wir sowieso fast nicht mehr wissen, wie wir heißen, weil uns niemand mehr erkennt und uns die Alltagslogik im Stich lässt. Und so begegnen wir verlorenen Gestalten, zur Mahnung, es könnte uns auch so ergehen, die sich in einem ewigen Fünf-Uhr-Tee-Zeremoniell in einer selbstverschuldeten Zeitschleife verfangen haben, und vergessen haben, dass es noch ein Draußen geben könnte. Und selbst die Sprache scheint uns im Stich zu lassen, weil sich der eigentlich so klare Zusammenhang zwischen Bezeichnung und Bezeichnetem in den Kalauer verflüchtigt, der plötzlich mehr Kraft zur Schaffung anderer Realitäten aufweist, als unsere gewohnte Wirklichkeit das tut. Wenn da die todgeweihte Schmausfliege tatsächlich daherkreucht, mit Butterbrotflügeln und Würfelzuckerkopf, sagt sie da nicht: warum soll es mich nicht wirklich geben, da ich doch einen Namen habe, wie alles andere auch? Und ist die unwahrscheinlichste Unwahrscheinlichkeit, so zum Beispiel, wenn mich ein Haifisch mitten im Wald beißen wollte, nicht unverrückbare Wirklichkeit, wenn es unwahrscheinlicherweise dann doch einmal passiert? Die moderne Teilchenphysik geht genau davon aus und würde anders gar nicht funktionieren: wenn ich einen Stein fallen lasse , und er steigt nach oben, ist das nicht unmöglich, sondern nur sehr sehr unwahrscheinlich.

Dahin und anderswo (und umgekehrt) führt Carroll seine Alice , und mit ihr natürlich auch uns “.Ich will Königin werden”, entschließt sich das kleine Mädchen, dass sich noch vor Kurzem so groß wie eine Raupe fühlte. Doch das ist nicht der normale Klein-Mädchen-Prinzessin-Wunsch, wenn wir uns vor Augen halten, das ein gekröntes Haupt (im Englischen schon gar) auch als Souverän bezeichnet wird. Souverain, Herrscher über sich selbst, das wollten wir alle als Kinder werden, groß, also erwachsen halt. Ob wir dieses Ziel in der Wirklichkeit erreicht haben, das mag jeder für sich selbst entscheiden, wenn er in den Spiegel schaut, nachdem er Parteien gewählt hat, die er eigentlich nicht mag, seine Arbeit so verrichtet hat, wie er es eigentlich falsch findet, und seinen Partner geküsst hat, den er schon lange nicht mehr erkennt.

 Doch wenn Alice nach draußen geht, die Krone des souveränen Menschen auf dem Haupt, hoffen wir doch alle, sie möge dort auf die richtige Art groß werden, und wir ein bisschen mit ihr, damit wir uns morgens wieder waschen können.

 Marc Günther