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Antigone oder das Begräbnis von Theben

Der Regisseur Gerd Heinz - unsere Lesart.

Die Idolisierung Antigones vom Mittelalter über Shelley bis Hegel ist die eine Linie, die edle, den älteren dunkleren Mächten verpflichtete Seele, die sich gegen die Rationalität des Staates auflehnt. Die andere war, verschärfend aber ebenso glorifizierend, Antigone als Revolutionärin, die das Bestattungs-gesetz als Hebel benützt, um den korrupten Unterdrückungsapparat des Staates bloß zu stellen. Parallel dazu die Sicht auf Kreon, entweder als ringende Staatsvernunft oder, besonders beliebt, als Grimasse der Macht, als Diktator und Tyrann.
Beide Lesarten konnten mich nie überzeugen. Dazu der Chor als opportunistische Mitläuferbande, und fertig war eine sogenannte moderne Konzeption. Nein, die Tragödie zwischen Denken und Handeln, die Wahrheit des Widerspruchs, die Hitzköpfigkeit der Protagonisten, das Thema der Polis auf allen Ebenen, das ist das Aufregende an diesem Stück. Sophokles als Dichter der Mitte, des Maßes, wie es so oft leicht abschätzig formuliert wird, aber es ist eine mühsam erkämpfte Mitte, es ist nach den Geboten des delphischen Orakels: „erkenne dich selbst“ und „nichts im Übermaß“ das Ringen um die Maßeinheit des Lebens. Die Vertikale des Glaubens und die Horizontale der Gemeinschaft. Das zeigt uns Sophokles in allen seinen Stücken an Figuren, die unfähig sind, sich selbst zu erkennen (wie Eckehart Lefèvre es in seinem wunderbaren Sophokles-Buch gültig formuliert), die das Richtige wollen und das Falsche tun. Darin liegt m. E. eine große aktuelle Bedeutung der sophokleischen Mythenbefragung.

Eine entscheidende Frage, die im Vorfeld geklärt werden musste, war die Übersetzung.Obwohl Antigone seit Martin Opitz über hundert Eindeutschungen erlebt hat, waren doch erstaunlich wenig Dichter darunter, Hölderlin ausgenommen, der aber in seiner kryptischen Dunkelheit und auch Ungenauigkeit nicht in Frage kam. Die Adaption Seamus Heaneys ins Englische zeigte genau das, was wir suchten: dichterische Wucht, gleichzeitig klarste Sprache und direkte Figurenhaftung. Lange haben wir vor dem riskanten Schritt gezögert, das Englische, das sich frei und doch nah ans Original hält, ins Deutsche zu übersetzen. Jetzt, am Ende der Proben, erweist sich dieser Schritt als richtig und großer Vorteil, und ich bin Arne Muus sehr dankbar, dass er seine Arbeit in Oxford unterbrochen hat, um die Hauptlast dieser Übersetzung zu schultern.
Denn bei allem Respekt vor den griechischen Vätern: nur durch einen mutigen Zugriff der Sprache kann es gelingen, ihre Wahrheit erlebbar zu machen.