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Eine Odyssee

Warum Homer?  Joachim Latacz

Ausgerechnet er mit seinen Kriegsgeschichten, in der Ilias, und seinen Kindermärchen von Riesen, Zauberinnen, Nixen und Najaden, in der Odyssee? Homer vermag nicht nur den Sinn für literarische Substanz zu wecken, sondern auch den Blick auf Welt und Menschen zu verändern. Das haben zahllose Leser im Laufe der Jahrhunderte an sich erfahren. Viele unter ihnen hat Homer mit seiner eindringlichen Formung von Ereignissen und Charakteren selbst zu Kunstwerken inspiriert, die unsere Kultur nun wieder ihrerseits geprägt haben.
Ja, ausgerechnet er! Denn hinter seinen Kriegsgeschichten, Nixen und Najaden, wie sie die Tradition ihm überliefert hatte, steht eine Kunst der Problematisierung, steht ein Ernst der Auseinandersetzung mit damals aktuellen, aber auch (die Sphären überblenden sich hier häufig) mit zeitlosen Fragen und Werten menschlichen Lebens und Zusammenlebens, die ihn in der Tat zum Lehrer- unaufdringlich, aber sehr vernehmlich- nicht nur der Griechen machen.

 

Der Autor Ad de Bont:
Im Allgemeinen habe ich ein kompliziertes Verhältnis zum Weltrepertoire: ob es nun die Stücke von Molière, Shakespeare, Schiller oder Euripides betrifft oder die Geschichten von Ovid, Homer oder Dickens- ich finde es oft schwierig, eine Verbindung zu ihnen aufzubauen, die genügend Reiz auf mich ausübt, um mich auf den langen Weg zu begeben, der jeder Theaterproduktion vorausgeht.

Meistens bin ich auf der Suche nach Extremen. Sie machen deutlich, welche Schicksale einem Menschen auf seinem Lebensweg begegnen können. Für die Umsetzung auf der Bühne ist ein räumlicher oder zeitlicher Abstand zur Welt des Zuschauers dabei oft sehr hilfreich. Dieser Abstand erleichtert es, Dinge klar zu erkennen. In unserer eigenen Gegenwart, in der normalen Welt sind wir an Vieles oft so sehr gewöhnt, dass wir die Absurdität, die Grausamkeit und die Ungereimtheiten nicht mehr erkennen.

Außerdem interessiert hat mich, die Geschichten um Odysseus neu kennenzulernen, im Besonderen die spannende Vermischung von Götter- und Menschenwelt. Die griechischen Götter sind Ausdruck des Gedankens, dass es zwischen Himmel und Erde mehr gibt, als wir verstehen. Die Interaktion zwischen Göttern und Menschen ermöglicht es uns, den Begriff „Schicksal“ inhaltlich wie formal-theatralisch zu analysieren.

Einer der wichtigsten und schönsten Aspekte an Homers „Odyssee“ ist natürlich die monumentale Sprache: die Hexameter. Es erscheint mir eine Herausforderung, einen Teil des Stückes in Versen zu schreiben und auf diese Weise Homers Sprachgebrauch mittels des Theaters an Kinder und Jugendliche vorzustellen.
Was verbindet ist die schwindelerregende Kraft des Sehnens, darüber wie Odysseus verzehrt und getrieben wird von seiner Sehnsucht nach seinem Zuhause, nach seiner Frau, nach seinem Sohn, nach seinem Land. Zu allen Zeiten und überall verirren sich Menschen aus unterschiedlichsten Gründen in weit entfernte, fremde Orte. Und sie setzten Himmel und Hölle in Bewegung, um einst, wenn Gott oder Allah, Buddha oder das Schicksal es will, wieder nach Hause zu kommen, wo immer dieses Zuhause auch sein mag.


Der Komponist Guus Ponsioen:
“Eine Odyssee” nannte Ad, mit dem ich schon seit langem versuche Ithaka zu erreichen, dieses Stück. Sehr wahr, weil es nach mehr als zweitausend Jahren so viele Theaterstücke über Odysseus gibt. Und erleben wir nicht alle, mehr oder weniger, unsere eigene Odyssee? Mit dem Freiburger Kinder- und Jugendtheater segele ich schon seit 1989 und seitdem haben wir viele Abenteuer erlebt, Gefahren bekämpft und überwunden, aber auch Mannschaft verloren, die wir nicht retten konnten. Odysseus Heimweh war mir schon immer sehr nah, aber seit Dieter über Bord gefallen ist umso mehr.
Doch mit Mut und Kraft, sehr geehrtes Publikum, suchen meine Freunde im Marienbad weiter und hoffen Ithaka irgendwann zu erreichen. Und ich, ich hoffe, dass es noch eine Weile dauert, bevor sie es finden. Weil die Erfüllung eines Wunschs auch oft das Ende bedeutet.
Also, lasst uns sagen, wir sind jetzt beim zweiten Teil angekommen. Und suchen weiter.