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eins zwei drei vorbei // 6+

Das Bett des Lebens und des Sterbens

Badische Zeitung,30. September 2013 - Hartmut Buchholz

Antonia Brix inszeniert im Freiburger Kinder- und Jugendtheater die Uraufführung von Frauke Jacobis Stück "Eins Zwei Drei Vorbei".

Frauke Jacobis Drei-Personen-Stück "Eins Zwei Drei Vorbei" ist ein szenisches Exerzitium in Minimalismus, rigoros wie das Spätwerk Beckets. In diesem Stück ist alles wesentlich, weil es nichts Überflüssiges gibt, die Sprache ist ausgeweidet – was an Dialogen übrigbleibt, ist ein dürres Skelett aus Worten. Und zwischen den Worten eine ungeheure Stille. Eine solche Vorlage erstmals zu inszenieren, ist Wagnis und Chance. Wagnis, indem gerade hier die dramatische Fallhöhe hoch ist; Chance, weil diese Vorlage die Regie herausfordert, das Skelett aus Worten mit Licht und Ton, Musik und Bühnenbild, Kostümen und Requisiten zum Leben zu erwecken. Die Uraufführung im Freiburger Theater im Marienbad in der Regie von Antonia Brix verwandelt ein vermeintliches Nichts an Handlung in eine Parabel von kolossaler Strahlkraft.

"Eins Zwei Drei Vorbei" nennt das fragilste dramatische Dreieck beim Namen, das es gibt – die bürgerliche Kernfamilie aus Vater, Mutter, Kind, wahrlich ein Abgrund an Konflikten und Tragödien. Jacobis Szenenbogen, bar jeder Psychologisierung, hat dem klassischen Dramenstoff alles Tragödientaugliche ausgetrieben, hat Werden und Vergehen der bürgerlichen Familie auf eine Fabel von durchtriebener Einfachheit reduziert. Ein Mann lernt eine Frau kennen. Sie haben ein Kind. Das Kind wird erwachsen. Das Kind verlässt die Eltern. Der Vater stirbt. Die Mutter geht dahin. Das Kind kehrt zurück. Gezeiten des Lebens, Kreis der Jahreszeiten, Zyklus der Biographie.

Für dieses Kreismodell hat Margrit Schneider ein kongeniales Bühnenbild gefunden, das die Inszenierung trägt: ein riesiges Karree aus Steppdecken als eine Art Bett des Lebens, Ort des Schlafs und der Zeugung, Geburt und Tod. Wie Mann und Frau sich zu Beginn aus den Schichten dieser Bettdecken schälen und als Personen erst geboren werden, wie sie am Ende wieder in die Tiefen dieses Bettes eintauchen, in einen endgültigen Schlaf, der kein Erwachen kennt: Das gehört zu den szenischen Höhepunkten dieser an Höhepunkten reichen Aufführung.

"Ich bin allein": Christoph Müller spielt den Mann-Vater als einen traurig-melancholischen Routinier der Einsamkeit, zwanghaft mit Zählen und Messen beschäftigt, als könnte die Zahl die Welt mit ihren verwirrenden Phänomen ordnen. Mit dem Auftritt der Frau-Mutter ist es Frühling geworden: Daniela Mohr belebt die Szene mit einem neuen Ton, Musik ertönt, Tanzschritte, Luftküsse fliegen hin und her. Der Sommer gehört dem Kind. Kirsten Trustaedt-Kümmel hat den schwierigsten Part in diesem Dreieck; das Kind, das sie spielt, peilend zwischen Bedürftigkeit und Aufsässigkeit, mal Wildfang, mal Göre, mal raffiniert und berechnend, mal arglos und lieb, dieses Kind ist bei ihr ein Wesen von androgyner Zartheit – immerhin sind sich selbst die Eltern des Geschlechts ihres Kindes nicht sicher: "Sie will trinken. Er hat Durst. Er ist brav. Sie ist wild. Er ist lieb. Sie ist lebendig."

Im Herbst, das Kind ist erwachsen geworden, zerreißen die Familienbande; statt Abschiedsrhetorik eine Dialogstafette von exemplarischer Lakonie: "Ich gehe. – Wohin? – Weg. – Weit? – Weit. – Nicht zu weit. – Kommst du wieder? – Vielleicht." "Ihr seid alt", es klingt, als hätte das Kind ein vernichtendes Urteil über die Eltern gesprochen. Der Winter besiegelt Sterben und Vergehen der Eltern. Das letzte Wort gehört dem Kind, das kein Kind mehr ist, das jenes Gelände – "schöner leerer Platz" – in Besitz nimmt, wo alles begann. Es ist wieder Frühling geworden. Ein Kreislauf hat sich vollendet.

Antonia Brix ist mit ihrer phänomenalen Inszenierung das scheinbar Unmögliche gelungen: Sie gewinnt aus extremer Reduktion Weite – szenische Weite, atmosphärische Weite, thematische Weite. Das Skelett aus Worten wird unter ihrer Regie zu einem wohlgenährten dramatischen Körper, der atmet und höchst lebendig ist. Simon Hos Musik öffnet der Szene einen Echoraum, das Licht erschafft für die Jahreszeiten eine schier physische Präsenz, das Gold des Spätsommers und das Frostweiß des Winters.


Drei Biografien skizziert dieses Stück, gezirkelt um die Fragen nach Familie, Kindheit, Elternschaft. Wie ein Kind begleiten, ohne es in Fürsorglichkeit zu ersticken? Wann ist der Zeitpunkt erreicht, es in die Selbständigkeit zu entlassen? Fragen wie diese werden nicht theoretisch eingekreist, aber gleichwohl gestellt, indem sie in ein oft stummes Spiel überführt werden. Das familiäre Dreieck findet sich bei Antonia Brix nicht zum dramatischen Labor zugerichtet, sondern in einem Phantasieraum, "Unten Boden. Oben Himmel. Bodenhimmel. Himmelboden." Da ist viel Platz für Zauber und Geheimnis, zwischen Bodenhimmel und Himmelboden.