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Kindheit // 10+

Wie denn nicht über Kindheit erzählen?
Man kann grundsätzlich in Frage stellen, ob sechs erwachsene Schauspieler, sozusagen von der Bühne herab, Kindern etwas über Kindheit erzählen können. Ist das wirklich interessant? Wollen wir Erwachsene sehen, die Kinder spielen? Kann unser Thema wirklich Kindheit sein, oder ist es nicht vielmehr Erinnerung? An diesen Fragen haben wir uns von Anfang an gerieben, aber Reibung ist natürlich oft sehr produktiv.
Für einen Autoren ist die Besonderheit einer Stückentwicklung, dass vieles im Team entsteht,was man sonst alleine macht. Normalerweise sitze ich zuhause vor meiner Tastatur, hoffe, dass
mir was einfällt und versuche durch verschiedene Tricks, wie Filme gucken, Bücher und Zeitungen lesen und im Netz recherchieren, meiner Fantasie auf die Sprünge zu helfen. Wenn ich mich auf eine Stückentwicklung wie diese einlasse, spielen meine eigenen Ideen zunächst eine nachgeordnete Rolle. Statt mir etwas auszudenken, gehe ich auf Proben, höre zu, beobachte, nehme als gleichberechtigter Gesprächspartner an Diskussion teil und versuche die Schauspieler kennenzulernen, für die ich schreiben soll. In diesem Fall kannte ich vorher keinen von ihnen persönlich. Aber auf den Proben hat sich das sehr schnell geändert. Motiviert durch Stephans scheinbar einfache, aber sehr präzise Improvisationsanweisungen haben die Schauspieler sich an ihre Kindheit erinnert und diese sehr farbenprächtig vor uns ausgebreitet. Ich bin den Erwachsenen begegnet, aber über den Umweg ihrer Kindheitserzählungen. Das war genauso verblüffend wie irritierend. Bevor ich wusste, dass Dietmar heute gerne Wandern geht, wusste ich, dass er früher einmal mit einem schiefen Kopf von der Schule nach Hause gegangen ist.
Als ich mich dann zuhause an die Tastatur gesetzt habe, klangen die Texte nach Daniela, Dominik, Dietmar, Renate, Salim und Nadine, was erstmal nichts Außergewöhnliches ist. Wenn ich Schauspielern zusehe, präge ich mir automatisch Sprechgestus, Sprachrhythmus, Melodie und Habitus ein, und das alles fließt in den Text. Aber es waren Gestus, Rhythmus und Melodie von Erwachsenen. Gleichzeitig hatte ich immer die Kinder vor Augen, von denen die Schauspieler mir erzählt haben.
Meine Texte sind genau in diesem Spannungsfeld entstanden, in einem Moment der Unentschiedenheit, der für mich durch die Produktion hindurch sehr präsent war, sehr gegenwärtig und überhaupt nicht der Vergangenheit zugewandt. Sie speisen sich aus der fiktionalen Wirklichkeit des Erinnerns, die immer wieder neu geschrieben und überschrieben und korrigiert wird. Erinnern ist gegenwärtig, und das Kind, an das wir uns erinnern, ist in der Erinnerung gegenwärtig, wir können uns unsere Kindheit vergegenwärtigen, in die Gegenwart holen, aber wir können sie nicht festhalten. Darum habe ich mit meinem Text zum Spielen eingeladen und gleichzeitig das Spiel verweigert, der autobiografischen Konkretheit die Abstraktion der Verallgemeinerung gegenübergestellt, um sie mit einer Alltagssprache wieder zu brechen. Man kann die Frage vom Anfang möglicherweise genauso gut andersrum stellen: Ist es überhaupt möglich, nicht über Kindheit zu erzählen, wenn erwachsene Schauspielern auf der Bühne stehen?
Sie macht nicht mehr oder weniger Sinn als die andere. Mein Text beantwortet beide Fragen
eindeutig: ja und nein. Aber damit ist noch nichts verraten.

                                                                                                David Lindemann, Autor