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Kicx2136

Klamms Krieg // 16+

Nur ein einziger Punkt mehr...

Sofort ist es wieder da, dieses jahrzehntelang ver­gessene Gefühl des trägen Widerstands, des trot­zigen Schulterschlusses gegenüber einer Macht, die einen die kindliche Unterlegenheit oft beschaämend spüren ließ. Das scheint erstaunlich tief in den Körper eingeschrieben, auch wenn hier alles nur Theater ist. Doch wenn Deutschlehrer Klamm (Heinzl Spagl) die Bankreihen auf Opfersuche mit einem grimmigen "Na, wer liest jetzt das Gretchen?" durchpflügt, fühIt sich das Publikum im Klassenzimmer des Freiburger Rotteck­Gymnasiums doch leicht bedrängt, und mancher taucht reflexartig hinter seinem Nachbarn weg. Genauso soll es sein. Mit dem 2000 uraufgeführ­ten, mehrfach prämierten Jugendstück "Klamms Krieg" von Kai Hensel präsentierte das Freiburger Kinder- und Jugendtheater im Marienbad eine weitere Premiere seiner Reihe "Theater in der Schule" (Regie: Renate Obermaier, Stephan Weiland). Ein schlüssiges Konzept, nützt es doch das Klassenzimmer als emotionsgeladenen Originalschauplatz, an dem gesellschaftliche Konflikte hautnah verhandelt werden.

Hier steht System versus Menschlichkeit. Nur ein einziger Punkt mehr, und Sascha wäre nicht durchs Abitur gefallen, und hatte sich nicht aufge­hängt. Ein einziger Punkt, für den sich Klamm vor der feindlichen Klasse um Kopf und Kragen redet. Droht, tobt, lockt und fleht, in beklemmender Endlosschleife um Haltung ringt, sich rechtfertigt und am Ende doch am Schuldgefühl zerbricht. "Lehrer sind Marder", schreibt er mit seinem Blut auf die Toilettenwände. Und wirklich sind sie in den Köpfen dabei, die Amoklaufer von Erfurt und Emsdetten, die Selbstmordstatistiken. Dass dar­aus keine Verurteilung, sondern ein ernst zu neh­mendes, Gesprächsangebot wird, ist der Virtuosi­tat von Heinzl Spagl zu verdanken, der den Lehrer so lebensecht und tiefgründig gibt, dass nicht nur Fragen offen bleiben, sondern sich auch neue stellen.

Originalschauplatz Klassen­zimmer. Der Schulraum erweist sich in der Zuspitzung des Dramas als theatralischer Ort, dessen Charakter im Alltag verbor­gen bleibt.