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Nachtgeknister // 7+

Kritik von Marion Klötzer im Kulturjoker November 2015

Surreales Hänsel & Gretel-Spektakel

Mike Kennys „Nachtgeknister“ feiert im Theater im Marienbad in Freiburg Premiere

Müde, dunkel, aufgekratzt – eine ganz besonders fiese Mischung! Denn genau dann vergaloppiert sich die Fantasie gerne mal in aberwitzige Horrorvorstellungen – ein Held, wer da nicht nur auf Rettung von Außen hofft, sondern seine Monster selbst zu  zügeln und zu lenken lernt. – Eine ebenso einfühlsame wie bildermächtige Anleitung dazu bietet Mike Kennys, mit dem Deutschen Kindertheaterpreis 2012 ausgezeichnetes Stück „Nachtgeknister“ (deutsch von Andreas Jandl), das jetzt  im Theater im Marienbad Premiere feierte (Regie: Matthias Kaschig).

„Diese Geschichte ist eine GuteNachtgeschichte. Für kleine Kinder zum Einschlafen…“, so trotzig-rotzig wir das von Marie (Nadine Werner) ins Publikum gesprochen, dass auch gleich jeder weiß: Wer’s glaubt wird selig! Schließlich ist sie schon groß, nicht so ein doofes Baby wir ihr kleiner Bruder François (Dominik Knapp), mit dem sie trotzdem noch allabendlich um den besten Mama-Schoßplatz kämpft. Auch das ist Teil jenes Rituals, bevor Maman (Daniela Mohr) nach Lied und Abschiedsküsschen zum Kochen in die Kneipe um die Ecke geht und ihre Kinder unter Aufsicht des Mondes allein zu Hause lässt. – Was aber, wenn der mal nicht scheint? Der Papierprospekt mit dem riesigen Gespenst im Hintergrund lässt Böses ahnen… (Bühne und Kostüm: Hannah Landes).

Wiedererkennungswert pur, was die beiden da auf der allzu sterilen, grauen Tischbühne an geschwisterlichem Getrieze, Gerangel und Gezicke veranstalten! – Wohlgemerkt, nicht als lächerliche Kinderkarikatur von Erwachsenen, sondern dank köper- und ausdruckstarkem Schauspiel als sehr lustige Komödie für Zuschauer ab sieben Jahren. Identifikationspotential bieten beide Figuren: Die kesse, neunmalschlaue Marie ebenso wie der offenherzige und tapfere François – zumal die zwei im Ernstfall unbedingt zusammenhalten! Das müssen sie dann auch: Denn zwar ist der Kirmestag mit Achterbahn und Geisterbahn (pantomimisch rasant in Szene gesetzt) herrlich aufregend, aber als ein komischer Luftballon-Clown (Musik: Carlo Thomsen) auftaucht und François fast verloren geht, lässt sich Maman in ihrer Panik zu einer folgenschweren Drohung hinreißen. Es gäbe „alle möglichen Leute – die klauen Kinder – und essen die!“ Aus diesen Zutaten braut Marie im Spagat zwischen Angstlust und Fabulierrausch ein feuriges Gruselmärchen für François: Von Clowns, die Kindersuppe mit kleinen Fingerchen drin löffeln, von einer Hexenküche hinter der Gruselbahn, wo Jungs in Töpfen blubbern – und von einer bösen Köchin, die der eigenen Mutter zum Verwechseln ähnlich sieht.

Dass Maman nicht nur das Abendritual ausfallen lässt, um „Kinderbraten“ zu kochen, sondern ihrem Sohn auch noch ein „Du bist so süß – ich könnte dich aufessen“ in die schockstarren Ohren säuselt, lässt das Kopfkino fast überschnappen: Das Vertraute wird fremd, Fiktion verwischt sich mit Realität, die Pforte zum Geschichtenreich ist durchschritten. – Das alles kommt als surreales Hänsel- und Gretel-Spektakel mit knallbuntem Licht, Theaternebel, Neandertaler-Perücken und lustvoller Dramatik auf die Bühne – mal ganz nah an der Angstgrenze, dann wieder als witziges Seemannsgarn mit versponnenen Zickzackwendungen und befreienden Brüchen.

Wie die beiden da übermütig in die Vollen gehen, wie sie hektisch mit Variationen und Lösungen experimentieren – das ist nicht nur sehr spannend, sondern auch Fantasie-Meisterschaft. Ein tolles Stück, vielbödig und mitreißend in Szene gesetzt. Und damit bester Stoff für mutige Angsthasen und ängstliche Großmäuler – natürlich mit Happy End!

 

Marion Klötzer

Im Kulturjoker November 2015