das schwimmen hat mir immer sehr geschadet
ich habe niemals gern in meer see teich gebadet
ich fühlte nie des schwimmers todeslust
hab immer stracks zurück zum strand gemußt
mein abscheu gilt auch fließendem gewässer
celan rannte der seine ins scharfe messer
die karpfen blöde aus der donau äugen
von hallenbädern laß ich mich nicht säugen
bei jedem atemzug drängt sich ein wasserguß
in meinen mund bis ich ersticken muß
ich lieber halte mich an trocken holz
fern von des haies und torpedos stolz
auch badehosen trug ich nur mit scham
weil drin mein genital nur wenig raum einnahm

Spiel mit Sprache
Ich verstehe unter dem Spiel mit Sprache eine Voraussetzung für Poesie überhaupt, jede Art Poesie und zu jeder Zeit. Die Sprache wird dabei ihrer nützlichen Funktion, die sie im Alltag besitzt, mehr oder minder enthoben. Mit ihren Bestandteilen, den Figuren dieses Spiels, sind bestimmte, im Alltag nicht übliche Züge und Kombinationen obligat oder gestattet, und zwar auf Grund von poetischen Spielregeln. Das Spiel ist auf ein Ziel gerichtet; das unterscheidet es in jedem Fall von Spielerei.
Das Gedicht, als Ergebnis eines solchen Spiels, bleibt als ganzes mehr oder minder befreit von der nützlichen Funktion der Gegenstände des täglichen Gebrauchs. Es wird Anzeichen des Spiels offen oder versteckt, aber jedenfalls auffindbar, weiterhin an sich tragen. Der wiederkehrende Rhythmus von Zeilen und der Reim, um von älteren Konventionen zu reden, sind ein spielerisches Moment und enthalten etwas an Lust. Wir alle kennen die Erfahrung, uns sprechend oder zuhörend der Melodie eines Gedichtes zu überlassen, um uns plötzlich dabei zu ertappen, wie uns der sogenannte Sinn entglitten ist; wobei in dem, was ich leichthin Melodie nannte, nicht weniger der Sinn eines Gedichtes liegt als in den Bedeutungen und Bedeutungsverknüpfungen seiner Wörter.
DadaismusZweierlei ist es, was mich dem Dadaismus verband und verbindet: sein ausgeprägter Sinn für Humor, mit dem man der Tragik der menschlichen Situation, nämlich der Sterblichkeit des Menschen, seiner Aussicht auf Nichts, geistvoll begegnete, und sein Verzicht auf Theorie und System. Jedes Gedicht - und das Gedicht war die Form des Dadaismus schlechthin - hatte sein System, aber darüber hinaus gab es keines.
Das Gedicht als Gegenstand
1955 stieß ich zum ersten Mal auf ein Gedicht von Eugen Gomringer und erfuhr, daß es eine neue Art von Dichtung gab, "konstellationen", "konkrete poesie". Wörter werden in sparsamen Versen gereiht, oder flächig angeordnet, als visuelles Gedicht. Das einzelne Wort begegnet dem einzelnen Wort, unter weitgehendem Verzicht auf syntaktische Bindeglieder. Das war schon viel früher bei August Stramm geschehen, im radikalen Expressionismus. Aber jetzt geschah es doch anders, ruhig, besonnen, ohne Expressivität. Die These aber, wie die konkrete Theorie sie vortrug, daß ein Gedicht ein Gegenstand sei, keine Aussage über einen Gegenstand, hätte auch auf Gedichte von Stramm gepaßt.
Sinn und Unsinn
Was sich in der Dichtung allzu gewichtig als Sinn präsentiert, ist für mich zuweilen eine wenig anregende Sache. Der Unsinn hingegen, mit Überlegung gestaltet - wieviel Erquickung habe ich ihm doch zu verdanken! Seine Überraschungen hören nicht auf, überraschend zu sein - auch wenn ich ein solches Gedicht, ein solches Stück Prosa, wieder und wieder lese. Unsinn, als ein bewußtes Abweichen von der Logik der Alltagssprache und des zweckgerichteten Denkens, hat eine verjüngende Kraft, die das Verwittern verzögert, wenn schon nicht verhindert. (...) Jedes einzelne tatsächlich existierende Wort einer Sprache kann, in einen ungewohnten Kontext gestellt, als "Unsinn" wirken, d.h. als solcher empfunden werden, ohne daß sich an seinem Sinn = Bedeutung auch nur das geringste geändert hat. Auf diesem Phänomen beruht die Wirkung - befriedigend oder verärgernd - einer ganzen Reihe von literarischen Texten seit Beginn dieses Jahrhunderts. Ob Befriedigung oder Verärgerung eintritt, hängt von der Erwartung bzw. der Empfangsfähigkeit des Publikums ab, nämlich jedes einzelnen Lesers oder Zuhörers, wobei ich voraussetze, daß der Text die Qualität besitzt, die einen zu freuen und zugleich die anderen zu ärgern.
BarrierenEs gibt im Denken des erwachsenen Menschen, wenn er sich als ein Fertiger erlebt, Barrieren, die durch nichts zu durchbrechen sind, unzerstörbare Befestigungen, die ihm den sogenannten Charakter verleihen, ein unveänderliches inneres Profil. Alles hängt, für die Kunst, davon ab, ob sie die anderen erreicht, vor allem Menschen eines Alters, wenn noch innere Bewegung herrscht, Kinder, Jugend. Der Künstler selbst, solange er Neues erstrebt, wird, und zwar alsbald im Gegensatz zum Gros seiner Altersgenossen, sich nicht als ein Fertiger erleben, und muß alle Versuchung, es endlich doch zu sein, abwehren, denn es würde ihn nicht vorantreiben, sondern zur Ruhe und zum Genuß des Erreichten und damit ans Ende bringen. Darin liegt seine Chance und sein Risiko, daß er sich darauf einläßt, niemals fertig zu sein, konträr zu allen, deren Existenz sich darauf gründet, daß sie es sind. Diese einschneidende Abweichung von der Norm, könnte man sagen, ziehe alle anderen Abweichungen nach sich; in Wirklichkeit ist es ein unauflösbares Geflecht, kein ursächliches Entspringen des einen aus dem anderen, ebensowenig ein zeitliches Nacheinander.
Die neue Kunst
Das Ende des Normalen ist der Beginn der neuen Kunst - jeder Rückzug ins Normale ist ein Rückfall in die Fiktion, daß es irgendwo ein Normales, ein absolut Normales, gibt, geben könnte, je gegeben hat. Stellvertretend für es, eben weil es es nicht gibt, steht die Norm, ein willkürlich abgemessenes Stück innerhalb des Chaos. Angesichts der Ungeheuerlichkeit des ersten Weltkriegs entstand Dada, dem Wahnwitz der tatsächlichen Welt eine Kunst gegenüberstellend, für die es die Polarisierung von Sinn und Unsinn nicht mehr gab, während sie von den Normen des Alltags weiterhin geschützt blieb, gesetzlich geschützt sozusagen. In der Kunst fielen beide in eins zusammen, verschwanden damit überhaupt, und ein drittes trat an ihre Stelle, nur in der Kunst.


von Gotthart Kuppel
Seit langer Zeit mache ich für Kinder Theater, immer auf der Suche nach Stoffen, die den Kindern und mir Spaß machen könnten. Christian Morgensterns Gedichte, angeführt vom "Großen Lalula'", waren vor Jahren der Anlaß, aus Morgensterngedichten ohne weitere Zusätze ein Stück für Kinder zusammenzustellen. Ohne weitere Zusätze stimmt nicht ganz; ein Prolog und ein kurzer letzter Satz stammten von mir, aber dazwischen war Morgenstern pur. Das Stück mit dem Titel "Durcheinander im Anzug" wurde am Theater der Jugend in München uraufgeführt.
Das Phänomen, daß Gedichte eine eigene Art von Bühnendynamik besitzen, kannte ich schon aus der Arbeit an meinem Stück "Schumanns Kinderszenen". Man muß die Gedichte "in Ruhe lassen", sie als Gedichte behandeln, nicht wie einen typischen Theatertext. Damit wird die Wirkung nicht abgeschwächt oder beschädigt, sondern im Gegenteil - die Texte vor und nach dem Gedicht und das Gedicht selber erhalten so eine größere Kraft.
Den Ehrgeiz, nichts hinzuzufügen, nichts wegzunehmen, also insgesamt gar nichts zu ändern, hatte ich dann auch bei meinen Stücken "Oh wie schön ist Panama" aus dem Buch von Janosch und "Amerika gibt es nicht" aus der Kindergeschichte von Peter Bichsel. Hier, bei Prosa, erreicht man dadurch, daß Sätze wie "sagte der König" oder "Colombin wurde rot" im Theaterstück innerhalb des Textes bestehen bleiben und, besonders wenn sie von der Figur gesprochen werden, über die sie eine Aussage machen, - dadurch erreicht man eine besondere Art von Verfremdung, wodurch Erzählform und Theater einerseits in Beziehung miteinander gebracht und gleichzeitig voneinander ferngehalten werden, was Spannung erzeugt.
"Am Fenster des Abendkönigs" aus Kurzprosa und Gedichten von Günter Bruno Fuchs habe ich nach demselben System erarbeitet. Die Stücke aus Texten von Morgenstern, Janosch, Bichsel und Fuchs entstanden, weil es von diesen Autoren keine Stücke für Kinder gibt, und dieser Mangel bei Jandl brachten mich dazu, seine Gedichte abzuklopfen auf die Möglichkeit einer Collage für das Theater.
Bei Morgenstern, Fuchs und Jandl war es nötig, die Gesamtwerke zu durchforschen auf der Suche nach Mosaiksteinen, die zu einem Handlungsablauf zusammengesetzt werden könnten. Das hat in allen Fällen viel Zeit gekostet, viel Vergnügen bereitet und mir die Autoren noch näher gebracht.