«

Sokrates: Helmut Grieser

Theodoros , Meletos, Lesung, Realisation : Gerd Heinz

1

_por6005

Der Mann Sokrates

ein Projekt von Helmut  Grieser und Gerd Heinz

1. Dialog aus dem <Theaitetos> von Platon
2. Die Apologie des Sokrates von Platon (Deutsch nach Ernst Heitsch und Carl Werner Müller)
3. Der Tod des Sokrates von Friedrich Dürrenmatt

Warum Sokrates?

Während unserer gemeinsamen Arbeit am Briefwechsel von Thomas Bernhard und Siegfried Unseld ließ ich mich von Helmuts Begeisterung über den Mann Sokrates anstecken und wir kamen überein, einen Sokrates - Abend zu machen.
Zentrum sollte die Apologie sein - das stand von vornherein fest, jene unglaubliche Verteidigungsrede des angeklagten und dann zum Tode verurteilten Sokrates vor der athenischen Ratsversammlung, den Freunden und Zuhörern (das athenische Gerichtsverfahren war grundsätzlich öffentlich).
Diese Rede wurde durch die Jahrhunderte zum leuchtenden Beispiel der Standhaftigkeit und Konsequenz stilisiert und man vergass dabei, dass es eigentlich eine Provokation und Beleidigung der athenischen Justiz ist, gleichzeitig ein ironisch funkelndes Stück Literatur über einen erkenntnistheoretisch pessimistischen Lebensclown.
Wir wollten aber auch den Befrager und den Methodiker des Nichtwissens zeigen, jene bis heute zutiefst irritierende Figur der abendländischen Philosophie, die wir nie kennen lernen werden, denn Platons Dialoge sind zwar hohe Literatur, aber ob die Sätze, die Platon Sokrates in den Mund legt, tatsächlich sokratische Sätze sind, ist bis heute unklar.
Klar jedoch ist - auch durch Berichte anderer - dass er existiert hat, dass er durch sein hartnäckiges Fragen und sein Grundbekenntnis <Ich weiss, dass ich nichts weiss> zum öffentlichen Ärgernis wurde, aber auch zur Gründerfigur einer direkten Philosophie der Strasse, der durch seine prüfende Fragekunst zum Vorbild der einen und zum verstörenden Feindbild der anderen wurde. Jedenfalls hat er die Todesstrafe ironisch akzeptiert und Flucht  und Begnadigung ausgeschlagen.

Aus dem Dialog <Theaitetos> und anderen haben wir einen Wortwechsel kompiliert, der die Methode der Mäeutik, der Hebammenkunst, die dem Befragten das Herausfinden des Problems überlässt, im Gegensatz zum Dozieren des überlegenen Lehrers, erhellt und so den Geburtshelfer für unbequemes Denken vorstellt, der Sokrates eben auch gewesen sein muss.
Und zum Abschluss des Abends wollten wir - in bester griechisch-klassischer Tradition - einen satirisch komischen Beitrag setzen und was könnte da besser passen als Friedrich Dürrenmatts Erzählung <Der Tod des Sokrates>.
Wie kein zweiter Autor im zwanzigsten Jahrhundert hat sich Dürrenmatt mit Philosophie auseinandergesetzt und ist darüber oft zum Philosoph geworden. Seine <schlimmstmögliche Wendung> ist durchaus ein sokratisch dialektisches Instrument. In seiner Erzählung bringt er das Kunststück fertig, alles auf den Kopf zu stellen und trotzdem die Figuren nicht zu zerstören, er endet sogar mit einer galanten Ehrenrettung der Frau, die ja generell in der griechischen Geschichte nicht so repräsentativ ist und in der Gestalt der Xanthippe geradezu zu einem Schimpfwort geworden ist.