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Erfolgsmeldungen - ÜberLeben in der Leistungsgesellschaft

Strategien aus Literatur, Wissenschaft und Praxis.
Lesungen, Gespräche und Leistungschecks in Freiburg

Ein Projekt des Literaturbüro Freiburg

 

Leistung prägt unser Leben. Ob in der Arbeitskultur, im Sex, in der Hirnforschung, im Sport oder in den bodypolitics:
Aus einer physikalischen Formel ist die Bemessungsgrundlage menschlichen Daseins schlechthin geworden. Unablässig liefern wir uns Erfolgsmeldungen und bestätigen unsere Existenz über eine schier unerschöpfliche Leistungsfähigkeit. Doch scheitern wir fortwährend an dieser Maxime, aus der immer häufiger Formen der Selbstausbeutung und Krankheit erwachsen.  Das emanzipatorische Potenzial des Leistungsgedankens – „vom Tellerwäscher zum Millionär“ – wird dabei jedoch oft übersehen. Doch erfüllt es sich? Deutschland ist von der Einlösung dieses Versprechens weit entfernt, dass jeder unabhängig seines Geschlechts, seiner Herkunft und kulturellen Prägung durch Leistung alles erreichen könne. Ist das Leistungsparadigma also überhaupt noch zukunftsfähig in einer Welt, die sich immer mehr ihrer Grenzen bewusst wird? Wohin hat es uns gebracht? Und was wären Alternativen?  Das Projekt „Erfolgsmeldungen“ greift diese Kontroverse auf und unterzieht sie selbst einem „Leistungscheck“.  Gemeinsam mit Gästen und Experten aus Wissenschaft, Literatur, Sport, Wirtschaft und Theater möchten wir Impulse für weitere Debatten setzen und nach Antworten auf die Frage suchen, wie viel Leistung wir für ein gutes Leben heute brauchen. In Leistungs-schauen und Trainingseinheiten mit Lesungen und Gesprächen fühlen wir dem Begriff Leistung und seiner „Karriere“ auf den Zahn.

Das ausführliche Programm vom 25.-27. Oktober  ist unter www.erfolgsmeldungen-festival.de zu finden.

 Davon am Sonntag in unserem Hause:

11h – 12.30h  Trainingseinheit: Macht

Mit Katja Kraus, Autorin, und Dr. William Willms, Vizefinanzchef Lufthansa AG

Acht Jahre lang war Katja Kraus im Vorstand des Hamburger SV und damit die einzige Frau im Management des deutschen Profifußballs auf Vorstandsebene. Zuvor war die studierte Germanistin und Politologin Pressesprecherin bei Eintracht Frankfurt. In ihrer aktiven Karriere als Torfrau wurde sie mit dem FSVFrankfurt von 1986 bis 1998 drei Mal Deutscher Meister und vier Mal Pokalsieger. Sie bestritt sieben Länderspiele und nahm an den Olympischen Spielen 1996 teil. Und sie hat es selbst erlebt: Erfolg, Macht, Privilegien – und deren plötzlichen Verlust.

Auf der Basis dieser Erfahrungen erschien jüngst im Fischer Verlag ihr Sachbuch „Macht. Geschichten von Erfolg und Scheitern.“ Im Gespräch mit Margot Käßmann, Wolfgang Mehdorn, Ron Sommer, Gesine Schwan und anderen entstanden Essays über die Phänome Macht, Erfolg, Leistung und Scheitern. Mit ihr im Gespräch ist William Willms, ehemaliger Leiter der Asian Development Bank im Bereich der Finanz- und Kapitalmärkte, seit 2008 Vizefinanzchef bei Lufthansa Technik AG in Hamburg und seit 2013 im Vorstand der Fluggesellschaft Brussels Airlines.

 16h -17.30h  Liebe als Leistung

Vortrag und Gespräch mit Prof. Hannelore Schlaffer, Literaturwissenschaftlerin und Dr. Nina Verheyen, Historikerin
Moderation: Ina Hartwig (angefragt)

Getrennt wohnen oder zusammen, mit oder ohne Kinder, gegenseitige Treue oder offene Beziehung – dass Paare heute über all dies gleichberechtigt verhandeln können, hat eine heroische Vorgeschichte. In Hannelore Schlaffers Schilderungen geglückter und misslungener Versuche – von der Schwabinger Bohème bis zu dem Verhältnis zwischen Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir – ist ein Entwurf der modernen Ehe entstanden. Die Herstellung der intellektuellen Balance ist dabei das eigentliche und am schwersten zu erreichende Ziel dieser partnerschaftlichen Vereinbarung auf Augenhöhe. Und mit dieser hielten Konkurrenz und Leistung auf neue Weise Einzug in Partnerschaften.  Eine solche Konkurrenz aber im Innern einer intimen Beziehung war neu und stellte die bisherigen Herrschaftsverhältnisse radikal in Frage. Heute werden die einstigen Forderungen als selbstverständliche Grundlage der Ehe formuliert: gegenseitige Rücksichtnahme, Verständnis, gemeinsame Interessen, weibliche Bildung und Berufstätigkeit. Diese Grundausstattung einer ehelichen Beziehung gehört zum Konzept der ‚Liebe‘, einem Gefühl mit großer Tradition und geringer Zuverlässigkeit, wie wir wissen – und ist zugleich eine Leistung, um die bis heute in nicht nachlassendem Eifer erfolgreich und scheiternd gerungen wird.

Die Historikerin Nina Verheyen arbeitet zur Geschichte des Leistungsbegriffs sowie zur Geschichte der Gefühle und spricht mit der Autorin und Professorin für Literaturwissenschaft, Hannelore Schlaffer, über Liebe als Leistung.

 18h -19.30h  Der überflüssige Mensch

Lesung und Gespräch mit Ilija Trojanow, Schrifsteller, und Dr. EvaWeber-Guskar, Philosophin Moderation: Jenny Friedrich-Freksa, Chefredakteurin der Zeitschrift Kulturaustausch
Ilija Trojanow gilt, seit er 2006 mit seinem Roman „Der Weltensammler“ reüssierte, als einer der interessantesten Autoren des deutschen Sprachraums. Immer wieder hat sich der 48-Jährige auch in die politischen Debatten der Zeit eingemischt. In seinen aktuellen Essays spannt er den Bogen von der Erbarmungslosigkeit neoliberaler Arbeitsmarktpolitik, zwangsprekären Lebensverhältnissen bis zu grundsätzlichen Fragen nach der Würde des Menschen im Treibsand zwischen Leistung, Erfolg und Überflüssigkeit. Trojanow beschreibt dabei den enormen Druck, der heute auf Berufstätigen lastet, weil sie wissen, dass sie sehr, sehr schnell durch eine Falltür ins Nichts fallen können. Aus Sicht von Ökonomen, internationalen Organisationen, global agierenden Eliten gelten viele Menschen auf Erden als überflüssig. Dazu gehören z.B. die kleinen Bauern, die Subsistenzbauern, also eigentlich jene, die am ökologischsten leben und die die längste Zeit unserer Menschheitsgeschichte den Großteil des menschlichen Daseins ausgemacht haben. Wer aber heute nichts´produziert und – schlimmer noch – nichts konsumiert, existiert  gemäß den herrschenden volkswirtschaftlichen Bilanzen nicht, so Trojanow.

Im Gespräch mit ihm ist die Philosophin Eva Weber-Guskar, Universität Göttingen, die zum Begriff der Menschenwürde, des Gefühls und der Emotionalität aus philosophischer Perspektive arbeitet.

 20h -21.30h  Die Ballade vom Nadelbaumkiller
                     

Ein Stück von Rebekka Kricheldorf, Szenische Lesung des Theater im Marienbad
Ein Clash der Generationen und Klassen im Milieu der Aus- und Aufsteiger: Rebekka Kricheldorf schickt Vertreter der 1968er („Babyboomer“), der „thirty-somethings“ und der so genannten „Netzwerkkinder“ gemeinsam in den Ring. Jan Mao ist Opfer antiautoritärer Erziehung und auf der Suche nach Grenzen. Er inszeniert sich als moderner Don Juan und verprasst das Geld seines Vaters Franz, ehemaliger Hippie. Der ist mittlerweile Chef einer gut gehenden Werbeagentur und will seinen Sohn zum Nachfolger küren. Jan will aber nicht, kann auch gar nicht, bewältigt er doch schon den Alltag nur durch Dienstleistungen des arbeitslosen Leporello Rudolf, dem Sohn eine Fischhändlers. Dabei ist der mit vier „cum laude“ – Abschlüssen reichlich überqualifiziert für diesen Hilfsjob. Elvira, ehemals Weg-Genossin und heute beste Kundin von Franz, ist sexuell befreite Unternehmerin. Die soll helfen, Jan auf den rechten Weg zu bringen. Dabei hat sie schon Stress mit Tochter Anna, die ihr Leben ausschließlich erfolgsorientiert plant. Und dann ist da noch Tine, die sich und Handyverträge gegen Cash verkauft. Kommunikation zwischen den Generationen ist nicht wirklich möglich, und so treffen die Figuren aufeinander wie Fremde, die sich voller Ironie und Unverständnis begegnen.

Es lesen: Dietmar Kohn, Dominik Knapp, Alexandra Mitdank, Renate Obermaier, Heinzl Spagl, Nadine Werner