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Mit:
Viola Neumann (Fritz Haarmann)
Claus-Peter Rathjen (Dr. Schultze)
Lars Nauhardt (Musik)
Uwe-Horst Engler (Text, Regie, Technik)

Die_haarmann-protokolle_03

Die Haarmann- Protokolle

-eine Produktion von "no budget, Hamburg

Die freie Produktionsgruppe „no budget“ besteht in wechselnder Besetzung seit 2003 und hat sich zum Ziel gesetzt, unkommerzielle kulturelle Projekte durchzuführen. Am meisten von der Öffentlichkeit beachtet waren bisher die Theaterproduktionen „clockwork orange – Einmannhorrorshow“, eine neu verfasste Bühnenversion des Romans von Anthony Burgess, die auch im Theater im Marienbad zu sehen war, sowie „Kaltherz“, nach dem Hauffschen Märchen.
Bei dem aktuellen Projekt „Die Haarmann-Protokolle“ handelt es sich um die Uraufführung einer komprimierten Fassung der 1924 protokollierten Gutachter-gespräche des Gerichtspsychologen Dr. Ernst Schultze mit dem homosexuellen Serienmörder Fritz Haarmann, dem sogenannten “Werwolf von Hannover”.
Diese authentischen Protokolle geben einen Einblick in die gesellschaftliche Situation der frühen Weimarer Republik, sowohl im Bezug auf die, aus heutiger Sicht unfassbaren, Umstände der Taten Haarmanns, als auch auf die Homophobie und das reaktionäre Psychiatrieverständnis Schultzes als Vertreter der damaligen Obrigkeit. Nicht zuletzt entsteht ein Bild über den, durch die gerade erst entstehende Boulevardpresse geschürten, Druck der Öffentlichkeit auf die Justiz.
So wird anhand eines Kriminalfalles ein Stück deutscher Geschichte des 20. Jahrhunderts erlebbar.

Psychologie-Professor Theodor Lessing 1924 zum Prozess gegen Fritz Haarmann:
„Sehen sie, dieser Haarmann ist doch ein Rückfall in einen urmenschlichen Zustand. Der Wolfsmensch, der Blutsauger, der Kannibale – nur noch in unseren Sagen, in fernen Erinnerungen glaubt der Mensch von heute sie zu kennen. Und plötzlich ist er da. Wie?, fragt sich der Kulturmensch. Raubtiere gibt es doch nur noch in der Wüste. Aber sehen sie doch einmal hinaus in die Strassen dieser Stadt, die Strassen aller Städte. Diese grauen, elenden Steinkästen der Häuser, die Höhlenwohnungen, der Asphalt, auf dem keine Blume wächst und kein Grashalm. Ist das etwa keine Wüste? Und so kahl wie in den Steinschluchten der Strassen sieht es doch auch in der Seele der Menschen aus, die darin zu leben verdammt sind. Soweit haben wir es gebracht, die wir die Wüsten kultiviert und die Urwälder gerodet haben. Wir haben neue Wüsten geschaffen. Wüsten, in denen neue Raubtiere wachsen. Raubtiere in Menschengestalt mit Radio, Elektrizität und seidener Wäsche.
Heute ist die Menschheit entsetzt über Haarmann. Dieselbe Menschheit, die nach Materialschlachten mit fünfhunderttausend Toten ihre Feldherren mit Orden schmückte, ist über einen Mann entsetzt, der vielleicht zwanzig, vielleicht dreissig Menschen umgebracht hat. Sehen sie, das meine ich mit unserer Schuld, von der in diesem Prozess gesprochen werden muss. Denn sonst wird man sich bald über Massenmörder nicht mehr so aufregen wie heute. Sonst bricht vielleicht eine Zeit an, in der man Leute wie Haarmann als mindere Stümper belächelt.“
Lessing wurde 1933 im tschechischen Marienbad von einem Kommando der SS ermordet.