Der Anfang
1973: Eine Zeitung schreibt: "Eine Gruppe junger Leute der verschiedensten Berufe hat sich zusammengetan, um "antiautoritäes Kindertheater" zu machen, und hat sich systematisch mit dem Studium von Kinderpsychologie und -soziologie beschäftigt, um mit den Erkenntnissen von heute von der Bühne her in unsere kinderfeindliche Welt hineinzuwirken". Was war geschehen? Das Freiburger Kindertheater hatte mit "Mugnog-Kinder" im Wallgrabentheater Premiere gehabt. Das Stück stammte von Rainer Hachfeld, Texter des Berliner Reichskabarett, aus dem bald das Gripstheater hervorging, Regie führte Dieter Kümmel. Trotz den großen Erfolgs zerfiel die Gruppe wieder, die nur gastweise im Wallgrabentheater spielte; erst mit der zweiten Produktion "Doof bleibt doof" festigte sich die Gruppe, zog aus dem ungeliebten Wallgrabentheater in den Theatersaal der alten Uni, gründete sich offiziell als Freiburger Kinder- und Jugendtheater und wurde als gemeinnütziger Verein anerkannt. Diese zweite Produktion brachte der Gruppe nicht nur viele Spielangebote in und außerhalb Freiburgs. Von Kommunalpolitikern und der Presse wohlwollend unterstützt, erhielt der Verein bald Subventionen, 1 1/2 Mitarbeiter konnten fest angestellt werden. Die Gagen von 20 DM pro Vorstellungen bleiben allerdings unverändert. Die junge Truppe trat in Zusammenarbeit mit Friedrich Karl Waechter: "Schule mit Clowns" entstand und brachte den großen Durchbruch. Einladungen zu Theaterfestivals folgten nach Wien, München und Nürnberg. Das Theater wurde Mitglied in der ASSITEJ, und gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendtheater in Baden-Württemberg. Zug um Zug professionalisierte sich die Gruppe, bot Vor- und Nachbereitungen an den Schulen an, eine ABM Stelle wurde bewilligt, ein Bus angeschafft, ein Büro (in der Wohnung eines Mitarbeiters) wurde eingerichtet. Das Angebot, das Weihnachtsmärchen in den Städtischen Bühnen zu übernehmen, lehnte die Gruppe allerdings ab. Der Erhalt der Selbstbestimmung, vor allem, sich so lange Zeit lassen zu können für die Produktionen, wie es notwendig erschien, die sorgfältige Produktionsweise, zu der auch immer die gemeinsame dramaturgische Vorbereitung gehörte, war der Gruppe wichtiger. Damit sind drei verschiedene Strömungen des Kinder- und Jugendtheaters beschrieben, die auch in den nächsten Jahren bestimmend sind für die Weiterentwicklung des Freiburger Kinder- und Jugendtheaters: Die "antiautoritären" Gripsstücke, die Zusammenarbeit mit Autoren, und die Entwicklung eigener Stücke aus Spielvorlagen anderer Theatergruppen. "Wo spielen wir oder wenn die Grolligs kommen" war die erste Inszenierung, in der ein eigenes Stück nach einer Textvorlage des Teatro del Sole (Mailand) entstand. Die "Gripslinie" fand ihre Fortsetzung mit "Do drehsch jo durch, he!". Nach der Berliner Vorlage "Das hälste ja im Kopf nicht aus" entwickelte die Gruppe zusammen mit Jugendlichen eine alemannische Fassung. "Diese - teilweise arbeitslosen - Jugendlichen sollten nicht nur als Schauspieler für die Produktion benutzt werden; es sollte nicht ihr (persönliches) Dilemma auf die Bühne gebracht werden." So ging der Inszenierung eine lange Vorbereitung voraus, Körpertraining, Improvisationen und Charakterstudien, ergänzt durch Recherchen im Problemfeld arbeitsloser Jugendlicher selbst. Man spielte in Jugendhäusern, und Jugendzentren, zum Teil fast ohne Gage. Ein von der Stadt Freiburg zur Verfügung gestellter Probe- und Büroraum in der Langemarckstraße verschaffte der Gruppe zur gleichen Zeit bessere Bedingungen, organisatorisch und finanziell. In dieser Zeit entstand auch ein weiterer Baustein, der bis heute im Spielplan des Theaters im Marienbad zu finden ist: "Geschichten erzählen und spielen." Mit "Zauberwald" knüpfte das Theater an "Grolligs" an. Wieder entstand nach einer Spielvorlage "Stadt der Tiere" vom Teatro del Sole ein Ensemblestück. Gestützt auf Körper, Stimme und Musik wurde eine phantastische Reise durch ein zauberhaften Märchenwald entwickelt. Auch die Zusammenarbeit mit F. K. Waechter ging weiter: "Kiebich und Dutz" erlebte zwei Fassungen und zwei Premieren, bis die Gruppe und der Autor mit dem Ergebnis zufrieden waren.

Der lange Marsch ins Marienbad
Mehr und mehr wuchs die Notwendigkeit für das Theater, eine eigene Produktionsstätte zu erhalten. Mit der Überlegung des damaligen Kulturbürgermeister Graf, der Gruppe die kleine Halle des stillgelegten Marienbads zu überlassen, begann eine kommunalpolitische Dauerauseinandersetzung, die sich über Jahre hinzog, den Freiburger Gemeinderat spaltete, tumultartige Sitzungen im Rathaus auslöste und schließlich im Beschluß des Kinder- und Jugendtheaters endete, Freiburg zu verlassen. In den Streit "ja oder nein - das Kinder- und Jugendtheater im Marienbad" flossen alle möglichen Beweggründe ein, ging es doch in Freiburg insgesamt um eine breite Diskussion über die Befriedung sozialer Jugendproteste und die Unterbringung alternativer Kulturgruppen, in der mit jeder politischen und publizistischen Munition geschossen wurde. Erst Gemeinderatswahlen, die neue Mehrheitsverhältnisse schufen, ermöglichten dann doch den Umbau des mittlerweile durch Leerstand reichlich verrotteten Gebäudes in der Marienstraße in eine Spielstätte und die Überlassung an das Kinder- und Jugendtheater. Die Chronologie der Ereignisse ist bis heute lesenswert. Mit der Entscheidung, das alte Jugendstilschwimmbad in einen Theaterraum umzubauen, tat sich eine einmalige ästhetische Chance auf. Auf eine festgelegte Bühnenperspektive wurde zugunsten einer variablen Raumgestaltung verzichtet, das alte Schwimmbecken blieb in seiner Form sichtbar erhalten. In die Planung konnten die Ergebnisse eines Internationalen Symposiums "Kinder- und Jugendtheater und Architektur" einfließen. Während der Planungsphase enstanden "Max" und "Die Geschichte vom Onkelchen". Der Einzug ins Theater im Marienbad brachte eine Vergrößerung des Ensembles auf 12 feste und annähernd soviele freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der Arbeitsprozeß erfuhr eine Neustrukturierung, Aufgabengebiete wie Technik und Organisation wurden spezifiziert. Die verbesserten Produktionsbedingungen im Theater im Marienbad, ermöglichten auch die Zusammenarbeit mit dem schwedischen Bühnenbildner Roland Söderberg und dem holländischen Bühnenkomponisten Guus Ponsioen. Mit beiden ausländischen Gästen enstanden die Ensemblestücke "Der Teufel mit den drei goldenen Haaren" von F. K. Waechter, mit dem 1989 das neue Haus eröffnet wurde, später "Das besondere Leben der Hilletje Jans" von Ad de Bont und zuletzt "Parzival" von Tankred Dorst.
Heute
Das Theater im Marienbad richtet sich heute an ein Publikum aller Altersstufen. Sein Einzugsbereich umfasst mittlerweile den südbadischen Raum bis zum Bodensee, Schwarzwald - Baar - Kreis, Mittelbaden bis Offenburg, sowie das Elsaß. Die Inszenierungen bleiben über mehrere Jahre auf dem Spielplan und erreichen ein breites Generationenpublikum. Diese Arbeitsweise des Theaters ermöglicht zum einen längere Produktions- und Probenzeiten, zum anderen ein weit gefächertes Repertoire, was mit den geringen Mitteln, die dem Theater zu Verfügung stehen sonst nicht zu erreichen wäre. Den Erfolg dieses Modells spiegeln auch die Festivalbilanz und die Gastspielreisen des Theater im Marienbad wieder.
Einladungen erfolgten u. a. zu den Deutschen Kinder- und Jugendtheatertreffen in Berlin, zum Theaterspektakel Zürich, zu den Internationalen Maifestspielen in Wiesbaden, zu den Internationalen Theatertagen in Teheran. Gastspiele in der Schweiz, Frankreich, Italien, Polen, Österreich, Russland, der Türkei und dem Iran tragen zum internationalen Ruf des Theaters bei.
Das Theater im Marienbad war Mitveranstalter verschiedener internationaler Theaterfestivals und ist zusammen mit den Städtischen Bühnen Freiburg Ausrichter des Baden-Württembergischen Theatertreffens 2009.
Im Juni 2008 hat das Theater im Marienbad seinen Gründer und künstlerischen Leiter Dieter Kümmel verloren. Er hat mit großer Leidenschaft für Menschen und Kunst und einem starken utopischen Geist dieses Theater künstlerisch und politisch geprägt und zu dem gemacht auf was es heute bauen kann. Das Ensemble wird unter Leitung von Hubertus Fehrenbacher die Arbeit in seinem Sinne fortsetzen.
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